Germany 12 Points: Ein Ode an die Öde

der am gestrigen Abend stattfindende Vorentscheid Germany 12 Points machte erstaunlich deutlich, wie wenig der NDR eine Freitagsabendshow kann. Durch unendlich aufgewärmte Konserven und wenig gute Eigenproduktionen hat sich der öffentlich rechtliche Rundfunk zu einem Parkplatz für Leute entwickelt, die anscheinend wenig auf die Reihe bekommen. Nicht nur scheiterten sie an der Aufgabe eine qualitativ hochwertige und diverse Auswahl für den Vorentscheid auszusuchen, sondern waren auch nicht in der Lage ein freudiges Ereignis wie den ESC-Vorentscheid mit einem traurigen Ereignis, wie dem Krieg in der Ukraine in Einklang zu bringen. Aber eins nach den anderen.

Die Teilnehmer

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, war schon bei der Vorauswahl der Songs das Kind in den Brunnen gefallen. Immerhin durften Männer, Frauen und Männer und Frauen auftreten. Wow! Diese insgesamt 10 Teilnehmer sollten das Beste und gleichzeitig radiotauglichste aus den 950 eingereichten Acts gewesen sein. Nun muss man wissen, dass ein radiotauglichens Lied vor allem eins nicht darf: auffallen. Sobald man beim radiohören einen Titel hört, der auffällt gibt es nur zwei Optionen: anlassen oder umschalten. Diese Entscheidung darf der Hörer auf keinen Fall bekommen. Deshalb ist es auch keine Frage, warum Eskimo Callboy nicht ausgewählt wurde. Die Musik ist, respektierlich gesagt, beschissen und würde sich wahrscheinlich kaum einer freiwillig im Radio anhören. Nun gut. Visuell hingegen sind sie, genau wie z.B. Little Big, unschlagbar. Kaum ein Act würde mehr in Turin auffallen. Aber wie schon erwähnt, das ist nicht radiotauglich.

Malik Harris ist der Sohn von dem ehemaligen Talkshow Host Ricky Harris („Ricky“), der zur Unterstützung des Sohnemanns im Studio war und des öfteren von Kameras eingefangen wurde. Der Song Rockstars wurde von Harris zusammen mit Marianne Kobylka und Robin Karow von Cosby geschrieben, deren großartiges Follow The Leader schon der Titelsong der 13. Big Brother Staffel war. Warum treten eigentlich Cosby nicht im Vorentscheid an?

Den Ohrwurm des Abend lieferten Maël & Jonas mit ihrem selbstgeschriebenem Wettbewerbstitel I Swear to God. Beide sind zusammen durch die Castingshow „The Voice of Germany“ mit Nico Santos als Coach bekannt geworden. Sie erreichten in der 2020er Staffel den dritten Platz.

Eros Atomus ist ebenfalls ein Castinggewächs. Er durfte bereits 2018 im Team der Fanta 2/4 ran. Dort konnte er sich gegen alle seine teaminternen Konkurrent:innen durchsetzen und stand gemeinsam mit dem 2020er ESC(Nicht-)Teilnehmer Ben Dolic im Finale. Hier erreichte er den 4. Platz, Dolic wurde Zweiter. Er nutzt die Gitarre sowohl als Percussion-Onstrument als auch „normal“. Ein sehr interessanter Act, dessen Titel Alive aber nur Füllwerk darstellt.

Emily Roberts ist eine deutsch-britische Singer-Songwriterin aus Hamburg. Ihr Titel Soap ist ein typisch amerikanischer Popschlager, wie ihn auch Miley Cyrus singen könnte. Mitkomponist des Titels ist Andreas Öhrn, seineszeichen neben Alexander Bard (Army of Lovers) Mitglied des Duos Gravitonas. Didrik Thott war bereits an Westlifes Song Amazing beteiligt und der dritte im Bunde der Komponisten ist Simon Wangemann, Teil der (ehemaligen) Elektropop Band I Heart Sharks. Dummerweise patzte sie während des Auftritts und war damit raus. Ein Sänger darf vieles, aber nicht den Text vergessen.

Felicia Lu (Kürbiß) kennen wir bereits vom Vorentscheid 2017. Jetzt fünf Jahre später versuchte sie es erneut und konnte deutlich gereifter sehr viele Sympathien für sich gewinnen. sie galt sowohl national als auch international als Favoritin. Ihr Titel Anxiety sollte eigentlich ein glatter Durchmarsch bei dem Teilnehmerfeld sein. Dummerweise konnte ihre Live Stimme so gar nicht überzeugen. Da fehlte deutlich Power. Man darf natürlich nicht verschweigen, dass der NDR bei den Vorentscheiden immer Tonprobleme hat. Nicht nur Felicia Lu hörte sich nicht gut an, man merkte auch bei anderen dass die Hintergrundmusik deutlich dominanter eingespielt wurde als nötig. Bei den meisten Songs macht das wenig aus, aber Anxiety wird durch den Gesang getragen, nicht durch die Musik.

Nico Suave ist der am Meisten etablierte Künstler der 6 Acts. Er holte sich für seinen Song Hallo Welt NKSN, Buket Keskin und EMY zur Unterstützung und zu viert bildeten sie eine moderne Version von Manhatten Transfer. Gesanglich mag das vielleicht nicht unbedingt vergleichbar aber die Outfits, zumindest der beiden Frauen, sollten dringend ausgetauscht und verbrannt werden. Gesanglich ist der Titel meiner Meinung nach international völlig unkompatibel. Wie auch Emily patze auch Nico bei der Performance und wäre damit für mich beim ESC untragbar gewesen.

Das Drumrum

Die Intervall Acts bei Germany 12 Points waren irgendwie das Beste an dem Abend. Schon der Gebinn mit Barbara Schöneberger und Bülent Ceylan machte Lust auf mehr. Die roten Couch war außerdem mit Conchita, Thomas Herrmanns und Jane Comerford prominent besetzt. Dummerweise am diese geballte Expertenpower bis auf zwei drei Floskeln überhaupt nicht zum Tragen. Nach einem Duett von Conchita und Jane mit No, no never, Rise Like a Phoenix und Euphoria, durfte dann Gitte Henning dazustoßen und Ein bisschen Frieden (mit-)singen.

Der eigentliche Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Jamala mit ihrem Song 1944. Ich mag sie persönlich eher weniger, sowohl ihr übertriebener Nationalismus im Widbir den Interpreten gegenüber, als auch ihren Song, der für mich noch nie ein Siegersong war. Aber auch ich konnte das alles nur vergessen und war extrem traurig über das ihr durch den Krieg zugefügte. Hier muss man differenzieren können. Der Auftritt mit tränengefüllten Augen war sehr bedrückend und holte uns spätestens dann von der ESC-Bubble in die Realität zurück. Durch die Fülle an Möglichkeiten der Berichterstattungen trifft der Krieg nun Personen, zu denen man (zumindest vituell) eine Beziehung aufgebaut hat, indem man monatelang über sie berichtet.

In diesem Jahr sollten die Zuschauer das komplette Ergebnis bestimmen. Deshalb wurde vorab ein online Voting gestartet, dass regional den einzelnen Sendern zugeordnet wurde. Der Spannung wegen wurde dieses als Einzelwertungen der Radiosender vorgetragen. Blöderweise war dieses Radiovoting so gar nicht spannend. Nahezu gleich votierten alle Sender. Einzig der MDR und BR brachen in der Reihenfolge der besten Drei aus, ansonsten gab es jeweils 12 Punkte für Mael und Jonas, 10 für Malik Harris und 8 für Felicia Lu. Beim Televoting entschied sich die Mehrheit für Malik Harris, der jetzt durch den Sieg bei Germany 12 Points, die deutschen Fahnen in Turin hochhalten muss. Ein erfolgreiches Ergebnis ist eher unwahrscheinlich aber den Welpenbonus bekommt er bestimmt.

PlatzStartnr.InterpretLied
Musik (M) und Text (T)
Online-VotingZuschauerGesamt
PunktePunkte
1.1Malik HarrisRockstars
M/T: Malik Harris, Marianne Kobylka, Robin Karow
90118208
2.2Maël & JonasI Swear to God
M/T: Jonas Brochhausen, Maël Brunner
10679185
3.6Nico Suave feat. Team LiebeHallo Welt
M: Toni Mudrack, Nico Suave, Dominik Köhl, Joshua Stolten, Volker Neumüller; T: Toni Mudrack, Jan Dettwyler, Nico Suave, Buket Kocatas, Niklas Esterle, Volker Neumüller
6394157
4.5Felicia LuAnxiety
M/T: Felicia Lu, Daniel Weisz
7465139
5.3Eros AtomusAlive
M/T: Eros Atomus, Marcel Zürcher, Eike Freese
5370123
6.4Emily RobertsSoap
M/T: Emily Roberts, Andreas Öhrn, Didrik Thott, Simon Wangemann
46753
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